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Kann man DIE PÄPSTIN noch verbessern?

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Diese Frage stellte sich das Produktionsteam von Spotlight Musicals in den vergangenen zwei Jahren, in denen die in Fulda ansässige Firma andere Eigenproduktionen zeigte. Sie selbst beantworteten diese Frage mit „Ja“ und haben zahlreiche Veränderungen vorgenommen und Ideen auch aus den Darstellerreihen umgesetzt. Das Ergebnis wurde am gestrigen Freitag im Schlosstheater Fulda als Neuinszenierung dargeboten. Lohnt sich ein erneuter Weg in die Barockstadt?


Als Tochter des Dorfpriesters (Sebastian Lohse) wächst Johanna (Alicia Hohmann) in Ingelheim am Rhein auf. Zu einer Zeit in der das weibliche Geschlecht nur zum Zeugen von Nachwuchs interessant war, lernt sie heimlich Lesen und Schreiben. Als der griechische Gelehrte Aeskulapius (Reinhard Brussmann) das Dorf besucht, ist dieser trotz ihres Geschlechtes von der Intelligenz des Mädchens angetan. Ihr Vater verbietet aus seinem Glauben heraus eine Fortbildung der Tochter. Heimlich verlässt Johanna mit ihrem Bruder Johannes Ingelheim und reist mit Aeskulapius nach Dorstadt, wo sie beim Markgrafen Gerold (Mark Seibert) und dessen Frau Richild (Jenny Schlensker) wohnen darf. Ihr Schicksalsweg führt sie von der Schola, über ein Kloster bis auf den Stuhl des Oberhauptes der katholischen Kirche. Vom Volk geliebt, von machtsüchtigen Kritikern wie Arsenius (Daniele Nonnis) und dessen Sohn Anastasius (Christian Schöne) verhasst, beginnt ein Spießrutenlauf zwischen Liebe und Lüge, der das Schicksal der Päpstin besiegeln soll.

DIE PÄPSTIN basiert auf dem Buch „Pope Joan“ von Donna Woolfolk Cross und findet seinen Ursprung in einer Legende des 9. Jahrhunderts. 2009 wurde die Handlung unter gleichem Namen von Sönke Wortmann erfolgreich verfilmt. Auch das Musical zog ab 2011 Musicalfans in Rekordzeit in den Bann, denn die Musik von Dennis Martin ist bis heute außergewöhnlich. Die Titelrolle wurde dabei fast ausnahmslos von Sabrina Weckerlin verkörpert, die diese zu ihrer Paraderolle unerreichbar perfektioniert hat. Gestern Abend bewies sie erneut, was eine menschliche Stimme zu leisten vermag und übertraf ihre Highlights der Vorjahre durch neue Phrasierungen mit einer Kraft, die sofort durch Mark und Bein dringt und wohlige Gänsehaut hervorruft. An ihrer Seite hat das Produktionsteam mit Mark Seibert als „Gerold“ den passendsten Duettpartner gefunden. Auch er ist für seinen gefühlvollen Gesang bekannt und schaffte es in kürzester Zeit seine eigene Interpretation meisterlich auf der Bühne zu verewigen. Beide sind nicht ohne Grund die am häufigsten gewünschten Darsteller des vergangenen Jahres auf musicalradio und garantieren zurecht volle Theaterhäuser. In den weiteren Rollen gab es einige Wechsel und Neuzugänge. Sebastian Lohse erweist sich in der Rolle Johanna‘s Vaters als echter Glücksgriff und spielt diesen schauderhaft böse. Später ist er noch als „Papst Sergius“ zu sehen. Christian Schöne kehrt in seine Premierenrolle des „Anastasius“ zurück und begeistert mit gekonnter Mimik und ausdauerndem Gesang an der Seite seines Vaters „Arsenius“ Daniele Nonnis, der als Klosterabt „Ratgar“ einen neuen, dunklen Charakter in das Musical einführt. Opernsänger Reinhard Brussmann führt mit langen, grauen Haaren erstmalig als „Aeskulapius“ mit seiner ausdrucksstarken Stimme durch das Musical und Lutz Standop wechselt vom hinterlistigen „Anastasius“ zum lüsternen Bischof „Fulgentius“ und „Rabanus“, für dessen Solotitel „Hinter hohen Klostermauern“ er großen Applaus erhält.

Neben dem Castwechsel gab es auch einige Änderungen der Präsentation. So kommen nun an wenigen Stellen Videoprojektionen zum Einsatz, die Umgebungen bewegt zeigen, während das Ensemble in einer Szene mit Fackeln durch das Publikum schreitet. Überhaupt ist mehr Feuer zu sehen, was insbesondere der neuen Szene der Bücherverbrennung die passende, düstere Stimmung verleiht. Die Szenenwechsel gelingen nun noch flüssiger, während sich die Drehbühne im Hintergrund in atmosphärischem Licht bewegt. Auch an den Kostümen sind Veränderungen festzustellen. Dabei fallen insbesondere die imposanten Raben auf, die dicht gefiedert nun deutlich präsenter in Szenen zu sehen sind und sogar fliegen. Für großen Spaß sorgte ein äußerst gelungener Einfall des Kreativteams: Die Szene „Ewiges Rom“ eröffnet den zweiten Akt nun mit einer menschlichen Caesar-Skulptur, die nicht nur täuschend echt bemalt ist, sondern sich auch noch unterhaltsam zum Titel bewegt und singt. Doch nicht nur diese Szene wurde komplett überarbeitet. Auch der Highlight-Song „Einsames Gewand“ führt Sabrina Weckerlin von Krankenbetten durch die Stadt, wobei ein neues Lichtdesign den emotionalen Titel in Perfektion unterstreicht. Weitere Überarbeitungen des Bühnenbildes finden auch bei der „Caesarin von Rom“ mit einem qualmenden Dampfbad und beim „Traum ohne Anfang und Ende“ auf einem Schlachtfeld statt. Im gleichen Zug wurden auch einige Choreographien überarbeitet. Die hohen Anforderungen meisterte das Ensemble tadellos. Einziger Wehrmutstropfen, der diesem Musical die höchste Punktzahl verleihen würde, ist nach wie vor das fehlende Live-Orchester, um der brillanten Musik einen ebenbürtigen Klang zu verleihen.

Zum Fazit sollen eingangs erwähnte Fragen vollständig beantwortet werden. Ob das Musical noch besser produziert werden könnte, hätte vor der gestrigen Neuinszenierung jeder Wiederholungsbesucher sicher mit einem klaren „Nein“ beantwortet. So überrascht es umso mehr, dass bei all der Perfektion in diesem überregional sehr beliebten Bühnenwerk so viele Veränderungen Einzug gehalten haben, die die Handlung und den Zauber, den DIE PÄPSTIN ausmacht, noch einmal vollenden. Und selbstverständlich lohnt sich der Weg nach Fulda immer, wenn Spotlight Musicals das Schlosstheater für sich beanspruchen. Für das was diese vergleichsweise kleine Produktionsfirma im eigenen, stets erkennbaren Stil auf die Bühne bringt, ist nicht nur die Heimatstadt des Teams, sondern auch die deutschsprachige Musicalszene dankbar.


Fotos: Ulrich Mayer, Christian Tech, Michael Eloy Werthmüller
Video: Spotlight Musicals GmbH

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