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"Jekyll & Hyde" des neuen Jahrtausends in Kassel

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Die Geschichte des Wissenschaftlers Henry Jekyll, der durch den Selbstversuch seiner entdeckten Formel JH7, die das Böse in der Psyche der Menschen entfernen soll, zum bösen Monster Edward Hyde mutiert, erlebt derzeit am Staatstheater Kassel ein erfrischendes Comeback, das weniger durch Bühnenbild, sondern vielmehr mit körperlichen Einsatz zu überzeugen weiß.

Das in englischer Sprache vorgetragene Musical aus der Feder von Komponist Frank Wildhorn bietet allein schon inhaltlich einen großen Spielraum zur Präsentation auf den Bühnen. In Kassel jedoch entschied sich Patrick Schlösser die wesentlichen Merkmale des Stücks in die aktuelle Zeit zu transportieren - fernab der eigentlichen Zeit um 1886 in Großbritannien. So tritt David Arnsperger in der Rolle des Henry Jekyll und dessen bösen Ich Edward Hyde im schlichten schwarzen Anzug mit weißem Hemd und entgegen der bekannten Bühnenversion mit Glatze auf. Der Wechsel von Jekyll zu Hyde, der überlicherweise insbesondere durch die Veränderung der Frisur dargestellt wird, wird von Arnsperger durch das Überstreifen zweier Gummibänder über sein Gesicht vollzogen. Einfach, aber auch genial, wenngleich das Publikum in den hinteren Reihen die Verwandlung vermutlich nur noch an dem veränderten Gang des Darstellers wahrnehmen kann.

Die Farbe seines weißen Hemdes ist das Sinnbild der feinen Gesellschaft. So treten alle wohlhabenden Personen, darunter seine Verlobte Emma Carew (Julia Klotz), dessen Vater Sir Danvers Carew (Bernhard Modes), Jekyll's Freund Utterson (Christoph Johannes Goetten für Andreas Wolfram) und weitere stehts in vollweißer Montur auf. Das Volk hingegen ist bunt gemischt, Henry Jekyll selbst mit schwarzem Anzug und weißem Hemd gekleidet und die Nachtclubsängerin Lucy Harris (Susan Rigvava-Dumas) wandelt vom schwarzen Kleid zur festlichen gold glitzernden Abendrobe.

Requisiten des Stückes lassen sich an einer Hand abzählen. Umso faszinierender, dass es das Staatstheater Kassel schafft die Geschichte - hinzu noch in Englisch (aber mit deutscher Übertitelung) - verständlich zu präsentieren. Um dem Publikum in der leicht gekürzten Fassung einen Weg zu weisen, gab man der Drag-Queen BayBJane kurze Auftritte in ausgefallenen Kostümen, um in Deutsch wenige Sätze zur Handlung zu äußern.

Es wurden zudem auch einige Änderungen an der Handlung vorgenommen. Im Original bittet Jekyll um eine Versuchsperson für sein Experiment und erhält von Kollegen, dem Staat und der Kirche ein klares Nein. In dieser Inszenierung stellt sich Jekyll gegen das gesamte Volk. Edward Hyde's Rachezug gestaltet sich daher auch wahllos über zahlreiche Opfer aus dem Volk. Diese Szenen werden effektvoll über ein Schattenspiel zu Beginn des 2. Aktes auf die Bühne gebracht und bilden durch den Einsatz des großen Ensembles das optische Highlight der Fassung. Überhaupt ist das Ensemble häufig in die jeweiligen Szenen eingebunden und schafft es so ohne großem Bühnenbild und Requisiten künstlerisch die Handlung zu vermitteln.

Gesanglich reiht sich eine ganze Reihe an Höhepunkten aneinander. Für die Besetzung in Kassel wurden bis auf wenige Ausnahmen großartige Stimmen eingesetzt. Allen voran David Arnsperger, der den Wechsel von Jekyll zu Hyde schauspielerisch perfekt und stimmlich grandios in Szene setzt. Susan Rigvava-Dumas füllt die Rolle der Lucy Harris ebenfalls sehr gelungen aus. Im Duett mit der Prostituierten Nellie (Lona Culmer-Schellbach) zeigt sich letztere Stimme als Fehlbesetzung, die den Song "Girls Of The Night", der eigentlich einer der Ohrwürmer des Stückes ist, unschön erklingen lässt. Ganz im Gegensatz zu Julia Klotz, die als Verlobte Emma Carew im Duett "In His Eyes" zusammen mit Susan Rigvava-Dumas die Komposition glanzvoll präsentiert. Für drei Termine steht Christoph Johannes Goetten als Henry's Freund John Utterson vertretungsweise für Andreas Wolfram auf der Bühne. An seinem ersten Abend wirkte er etwas nervös, was sich auch leicht in seiner stimmlichen Darbietung niederschlug. Seiner Rolle wurde er aber dennoch gerecht.

Ebenso wie das üppige Orchester unter der Leitung von Marco Zeiser Celesti, das mit großartigem Sound Wildhorn's Komposition wunderbar getragen hat.

So ist "Jekyll & Hyde" im Staatstheater Kassel eine interessante Mischung aus großartigen Stimmen, tollem Sound und einem minimalistischen Bühnenbild, das vielleicht genau dadurch und den hohen körperlichen Einsatz aller Darsteller die spannende Handlung in die Neuzeit transportieren konnte. Bei Eintrittspreisen von 27,50 € bis 40,50 € ist die englische Inszenierung, die noch bis zum 13. Juli 2014 aufgeführt wird, uneingeschränkt zu empfehlen.

Weitere Informationen und Tickets: www.staatstheater-kassel.de

Fotos: N. Klinger
Grafik: Isabelle Winter

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