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Mehr Musical als Schlager-Party: WAHNSINN! in Duisburg

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Seit wenigen Tagen läuft das „erste Party-Schlager-Musical der Welt“. Ein Begriff, der schon beim Lesen weh tut. Party, Schlager und Musical - das passt irgendwie nicht zusammen. Schlager nannte man vor 150 Jahren, was man heute einen Hit nennt. Und so bleiben im 21. Jahrhundert Schlager per Definition im Duden „leicht eingängige, meist anspruchslose Lieder, die für eine bestimmte, meist kürzere Zeit einen hohen Grad an Beliebtheit erreichen“. Bei den Hits von Wolfgang Petry, die die Grundlage des Jukebox-Musicals WAHNSINN! bilden, trifft das durch neue Arrangements oder Duett-Variationen glücklicherweise oft nicht mehr zu.


Franz Hubert Wolfgang Remling, besser bekannt als Wolfgang Petry, wurde 1975 in einer Disco entdeckt und startete kurz darauf eine beispiellose Karriere, an dessen Zenit das Genre in meiner Jugend als heute Mittdreißiger durch seine rockige Umsetzung auch in der örtlichen Dorfdisco Einzug hielt und darüber hinaus parallel ganze Stadien füllte. „Wolle“ sympathisierte durch seine Nähe. Ein Star zum Anfassen, was aber kaum jemand aushalten kann. Vor über 15 Jahren zog er die Reißleine seines bewegten Lebens. Im letzten Jahr gab es ein überraschendes Comeback unter dem Künstlernamen „Pete Wolf“. Das Album „Happy Man“ mit englischsprachigen Covern der Country-Ecke hat die Charts nach einer Woche auf Platz 65 direkt wieder verlassen. Was seine Fans wollen, ist Wolle. Und auch wenn diese am Dienstag Abend im Theater am Marientor Duisburg nicht seine Stimme hörten, so sah man dennoch in viele strahlende Gesichter und vernahm so manches Mitsingen aus dem Saal. Ich liebe Musicals, Schlager ist nicht meine Welt und „Wolle“ im Radio nicht mehr präsent. Diesen Tatsachen zum Trotz wurde ich mit einer stimmigen Besetzung, einem durchdachten Bühnenbild und einer großen Menge Spaß gut unterhalten.

Doch auf Spaß ausgelegte Musicals glänzen meist nicht durch mitreißende Geschichten. So ist auch das Buch von Martin Lingnau und Heiko Wohlgemuth schnell vorhersehbar. Aber die Art und Weise wie die acht Hauptdarsteller ihre Rollen verkörpern, ist Unterhaltung pur: Peter und Sabine (Enrico De Pieri und Vera Bolten) sind seit vielen Jahren verheiratet. Der selbständige Speditionsfahrer sitzt oft am Steuer, um seiner Frau den Himmel auf Erden zu bieten. Die wiederum hätte lieber mehr Zeit mit ihrem Mann. Als dieser dann auch noch den Hochzeitstag vergisst, trennt sie sich von ihm. Peter’s bester Freund Wolf (Mischa Mang) führt eine heruntergekommene Kneipe. Er ist Single und hat seine große Liebe Jessica (Carina Sandhaus) nie vergessen. Diese hat die Liebe auch erwidert. Dennoch haben sich beide nie wieder gesehen. Karsten und Gabi (Detlef Leistenschneider und Jessica Kessler) sind ein waschechtes Ruhrpott-Paar. Sie führen eine vertraute Ehe und haben den gemeinsamen Sohn Tobi (Thomas Hohler). Als Musiker möchte dieser Rockstar werden und träumt vom Ruhm. Darin sieht sein Vater eine Gefahr, denn auch er war einst Musiker und scheiterte. Tobi lernt Gianna (Dorina Garuci) auf einem seiner Konzerte kennen. Beide verlieben sich ineinander doch sie spielt nicht mit offenen Karten.

INTERVIEWS

Vera Bolten und Enrico De Pieri

Jessica Kessler und Detlef Leistenschneider

Dorina Garuci und Thomas Hohler

Carina Sandhaus und Mischa Mang

Jukebox-Musicals neigen dazu viele Songs einbauen zu müssen, die häufig nur bedingt in Szenen passen. Bei WAHNSINN! beschleicht einen dieses Gefühl wenig. Man ist doch überrascht wie mancher Text als Duett zwei Seiten erzählen oder als Ballade begleitet am Cello erklingen kann. Die Voreingenommenheit legt sich nach nur wenigen Titeln. Spätestens wenn alle Darsteller ihren Weg begonnen haben, schafft es das Werk durch Situationskomik stark zu unterhalten. Zugegeben es gibt sie auch die Fremdschämmomente, bei denen den Darstellern und dem Ensemble so manche Peinlichkeit abverlangt wird. Professionell meistern sie die Szenen und sorgen - wenn man sich darauf einlässt - für ungebrochenen Spaß. Das Publikum hat sich eingelassen und dies nicht bereut. Große Lacher schaffen vor Allem die ruhrpöttische Art von Jessica Kessler und Detlef Leistenschneider, die sich immer wieder gekonnt aufs Neue necken – und das in bestem Dialekt. Das gemeinsame Duett „Nichts von Alledem“ schafft aber auch in ruhigen Momenten ein Fest für die Ohren. Enrico De Pieri glänzt nicht nur musikalisch fabelhaft als Peter. Er spielt seine Rolle so gut, dass man seine Frau Sabine schon fast unterstützend überzeugen will, die wiederum als selbstsichere und starke Frau von Vera Bolten sehr authentisch dargeboten wird. Thomas Hohler und Dorina Garuci spielen ihre Rollen tadellos. Dorina’s kraftvolle Stimme hätte im zweiten Akt durchaus noch einen passenden Solotitel vertragen können. Mischa Mang’s Rockstimme haucht den neu arrangierten Hits von Wolfgang Petry ein tiefgreifendes Gefühl ein und Carina Sandhaus zeigt im zweistimmigen Duett „Du bist ein Wunder“, welch ohrenverwöhnende Möglichkeiten Mehrstimmigkeit und ein langsamer Rhythmus bieten können. Das Arrangement von Martin Lingnau und Sebastian De Demonico lässt tatsächlich einige Partyhits im neuen Musical-Gewand ertönen.
 
Das Bühnenbild von Heike Meixner zeigt Peter’s LKW in drei Elementen. Darunter rechts ein bewegliches Führerhaus und links ein beweglicher, kleiner Anhänger. Die Rückseiten der beiden Elemente bilden Kulissen anderer Orte, so dass schnelle Bühnenwechsel möglich sind. In der Mitte findet sich die siebenköpfige Band unter der Leitung von H.C. Petzold auf einem größeren Anhänger wieder. Geladen sind dabei neben einem Schlagzeug, Keyboard, Bass und Gitarren auch die Instrumente Klarinette, Saxophon, Flöte und Cello, die für besondere Momente sorgen. Beim Ton von Cedric Beatty hätte man sich aber zeitweise mehr Fokus auf die Darsteller gewünscht. Besonders hervorgehoben werden muss aber Simon Eichenberger, dessen aufwendige Choreographien insbesondere durch den szenischen Einsatz von Autoreifen kunstvoll im Licht von Michael Grundner erstrahlen. Unter der Regie von Gil Mehmert zeigt sich ein kurzweiliges, oft komisches und musikalisch stellenweise auch mal anspruchsvolle Musical, das sich gerne so nennen darf. Nur bitte nicht „Party-Schlager“, denn auch wenn Promoauftritte in Shows des Ballermann-Genres vielleicht medial wirken, so schrecken sie doch am Ende beide ab: Schlager- und Musical-Fans. Das hätte WAHNSINN! nicht verdient.

Fotos: Hardy Müller