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MOZART! sticht heraus und begeistert in Duisburg

Foto: Deen van Meer MOZART! sticht heraus und begeistert in Duisburg
16 Jahre nach der Uraufführung 1999 zeigten die Vereinigten Bühnen Wien von September bis März eine Neuinszenierung des bekannten Werkes MOZART! des Erfolgsduos Dr. Michael Kunze (Buch und Liedtexte), sowie Sylvester Levay (Musik und Arrangements) und ernteten dafür äußerst viel Lob. Im Raimund Theater entstand unter der Regie von Harry Kupfer eine Vollendung des Musicals, das immer im Schatten der Erfolgsproduktion „Elisabeth“ stand. Jetzt – so viele Jahre später – begegnen sich beide Werke auf Augenhöhe, wovon man sich im Theater am Marientor in Duisburg ausschließlich an diesem Wochenende überzeugen kann.

MOZART! zeigt die Persönlichkeit hinter der Klassik-Legende Wolfgang Amadeus Mozart. Fernab vom Musikunterricht oder einer trockenen Dokumentation erlebt der Zuschauer eine Titelfigur, die arrogant und vorlaut einen erfolgreichen Weg meistert, aber zugleich auch innerlich daran zugrunde geht. Als Wunderkind geboren und von seinem Vater Leopold (Marc Clear) früh gefördert, soll der junge Komponist Wolfang Amadeus Mozart (Oedo Kuipers) bei einem Festmahl für den Fürsterzbischof Hieronymus von Colloredo (Maximilian Mann) spielen. Von dessen Unpünktlichkeit und Selbstüberschätzung verärgert, zerreißt Colloredo Noten des Komponisten und lässt ihn hinauswerfen. Mozart selbst sieht den Vorfall als Befreiungsschlag und möchte daraufhin die Welt bereisen, um andere Menschen von seiner Musik zu überzeugen. Das Verhältnis zu seinem Vater ist schon von klein auf sehr angespannt, hatte dieser doch viel Zeit in die musikalische Ausbildung seines Sohnes investiert. Er fürchtet, dass sich der begabte Musiker selbst im Wege steht. Schweren Herzens lässt er ihn ziehen. In Paris findet der Musiker jedoch nicht den gewünschten Erfolg, lernt in Mannheim aber die Familie Weber kennen. Den Lebenskünstlern fehlt es an Geld, so dass das Familienoberhaupt Mutter Cäcilia (Susanna Panzner) ihre Tochter Aloysia  (Evita Komp) auf den aus besseren Verhältnissen stammenden Mozart ansetzt. Mit Erfolg. Mozart möchte das Gesangstalent fördern und fällt auf das Unterfangen der Familie herein. Durch seine Geldspenden, einen überdimensionierten Lebensstil und zugleich der Freude am Glücksspiel verarmt seine eigene Familie in Salzburg. Sein Vater ruft ihn zurück in seine Heimat und lässt ihn anschließend auf den Wunsch der Baronin von Waldstätten nach Wien reisen, wo auch Mozart auf Erfolg hofft. Dort angekommen trifft er wieder auf die Familie Weber. Aloysia ist inzwischen verheiratet, so dass Cäcilia Weber erneut eine andere ihrer vier Töchter auf den Komponisten ansetzt. Im Gegensatz zum Rest ihrer Familie möchte Constanze (Anna Hofbauer) den stetig erfolgreicher werdenden Musiker nicht ausbeuten und entwickelt Gefühle für ihn, die dieser auch erwidert. Wolfgang Amadeus Mozart’s Karriere nimmt Fahrt auf. Er feiert große Erfolge und verdient entsprechend Geld. Ein Lebensstil, den auch Constanze genießt. Zu seinem perfekten Glück fehlt Mozart nun nur noch die Versöhnung mit seinem Vater, der sich von seinem Sohn aber mehr wünschte als nur die Begleichung dessen Schulden. Das Verhältnis bleibt kühl und ungeklärt bis über den Tod des Vaters hinaus. Im weiteren Verlauf schreibt Mozart zahlreiche Werke und gibt sich seinem Talent bis zum letzten Tropfen Blut hin. 1791 verstarb das „Wunder Mozart“ im Alter von 35 Jahren.

In der Neuinszenierung unter der Regie von Harry Kupfer erlebt das viel zu selten aufgeführte Musical eine zeitgemäße, moderne Wiederbelebung, die das vielleicht zuvor nicht restlos überzeugende Publikum nun vollends begeistern kann. Im Jahr 2016 angekommen zeigt sich die über 200 Jahre alte Geschichte des Komponisten Mozart als authentische Legende, die durch die äußeren Einflüsse und der eigenen Persönlichkeit auch heute ähnlich handeln würde. Dabei zeigt sich das Ensemble mit aufwendigen Kostümen (Yan Tax) und Frisuren, aus dessen Masse Oedo Kuipers in der Titelrolle modern und jugendlich heraussticht. Bis zu den Schuhen weiß gekleidet und mit trendigem Haar wird von Beginn an deutlich, dass der Komponist nicht in die Schickeria passt und die Welt auf eigene Weise entdecken möchte. Behindert wird er dabei von seinem eigenen Talent, das in Form des kleinen Amadé  im gesamten Verlauf des Stückes als stetig komponierendes Wunderkind dargestellt wird, das sich nicht von der Arbeit lösen kann. Immer wieder zerrt es an Mozart, damit dieser seiner verpflichtenden Begabung nachkommt und sticht ihm dabei in seine Adern, um mit der roten Tinte die Arbeit fortzuführen. Eindrucksvoll gelingt dem 26 jährigen Niederländer eine eigene Adaption der facettenreichen Rolle, die ihn durch Höhen und Tiefen, durch Glück und innere Zerrissenheit bis hin zu zeitweiser, geistiger Verwirrung treibt. Diese Aneignung macht sich auch gesanglich deutlich, denn Kuipers zeigt mit großem Talent, dass das ihm entgegen gebrachte Vertrauen in jeder Form gerechtfertigt ist. Nicht zuletzt bringt auch seine Jugendlichkeit der Neuinszenierung die neue Moderne, die es vielleicht früher vermisst hat. Aber auch die weiteren Rollen sind tadellos besetzt: Marc Clear füllt die Rolle des Vaters Leopold gekonnt mit Strenge, aber auch väterlichem Feingefühl aus. Maximilian Mann kollidiert als Colloredo ebenso häufig mit der Überheblichkeit Mozart’s und meistert auch seine Szenen mit guter Authentizität. Für Staunen sorgt Anna Hofbauer, deren Rolle Constanze Weber sich erst gegen Ende des ersten Aktes in die Geschichte einfügt. Ihr Gesang und Schauspiel bleiben nachträglich positiv in Erinnerung, wie auch Susanna Panzner als ihre Mutter Cäcilia Weber, die ihr hinterhältiges Wesen im Mutter/Tochter-Duett „Du hast ihn an der Angel“ gekonnt in Szene setzt.

MOZART! ist ein musikalischer Hochgenuss mit vielen bekannten Songs, die besonders im ersten Akt präsent sind und durch Reprisen im düsteren, zweiten Akt erneut aufleben. „Schließ dein Herz in Eisen ein“ (Marc Clear), „Gold von den Sternen“ (Ann Christin Elverum) und „Wie wird man seinen Schatten los?“ (Oedo Kuipers) sind mitreißende Songs, die von ihren Solisten makellos dargeboten werden. Insbesondere letzter Titel kann durch Unterstützung des großen Ensembles (insgesamt 39 Darsteller) wahrlich als eindrucksvollstes Finale eines ersten Aktes bewertet werden, zeigt sich auch hier deutlich die Kraft des 21-köpfigen Orchesters unter der musikalischen Leitung von Ratan Jhaveri. Lediglich bei der Tonmischung für das Publikum hätte man sich eine bessere Balance der Stimmen zum Orchester gewünscht, da die Verständlichkeit an manchen Stellen nicht aufgrund einer deutlichen Aussprache fehlte. Auch wünschenswert wäre ein kreativerer Einsatz der großen Projektion gewesen, denn das Bühnenbild von Hans Schavernoch verlässt sich häufig nur auf starre Raumfotos im Videodesign von Thomas Reimer, die auf der breiten Bühne des Theaters am Marientor mit wenig Requisiten, darunter stets ein Flügel und wenige Stühle, nur durch ein gutes Lichtkonzept (Jürgen Hoffmann) der umschließenden Mauern und Fenster Kreativität erlangen. Dies soll nicht bedeuten, dass es an Requisiten mangelt – im Gegenteil: Das Fahrzeug der Webers, Colloredos riesiges Goldzepter und Mozarts Truhe in großer Form sind wahre Hingucker, jedoch hätte die ein oder andere Szene zumindest bewegende Hintergrundbilder vertragen können, statt starre Fotos zu verwenden, die bei Wiederholung durch Ortswechsel schnell ihren Reiz verlieren. Besonders hervorzuheben ist aber die Szene zum neuen Duett „Wir zwei zusammen“, in der sich Constanze und Mozart jugendlich verliebt in einem Kettenkarussell zeigen und damit beweisen, dass auch durchweg neue, kreative Ansätze hinzugefügt wurden. Nun könnte man denken, dass es sich hierbei ja nur um eine kurzzeitige Produktion handelt, jedoch ist das Bühnenbild identisch zur Wiener Inszenierung. Hintergrund ist vermutlich, dass dem Musical aus früheren Produktionen ein zu überdimensioniertes Bühnenbild vorgeworfen wurde. Den nötigen Ausgleich schafft aber das große Ensemble mit einer gelungenen Gesamtleistung.

Diese kleinen Kritikpunkte sind keinesfalls auch nur ansatzweise ein Grund dafür MOZART! im Duisburger Theater am Marientor ohne einen Besuch enden zu lassen. Nur noch zwei Nachmittags- und zwei Abendvorstellungen ist die mitreißende Neuinszenierung, die nahezu identisch zur Wiener Produktion mit ebenso großartigem Cast und fast derselben Anzahl an Musikern nur an diesem Wochenende in Deutschland zu erleben und ist daher ein absoluter Pflichtbesuch, denn die Vielfalt des Werkes aus der Feder von Dr. Michael Kunze und Sylvester Levay, die kürzlich beim Deutschen Musical Theater Preis geehrt wurden, ist beeindruckend. Die Spielzeit von nur einem Wochenende hingegen wird dem nicht gerecht.

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