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Friedhof der Musicalrollen

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Asia Rose antwortete auf Friedhof der Musicalrollen

Auf dem Wiener Zentralfriedhof liegen viele Tote, bekannte und unbekannte Namen sieht man auf den Steinen, wenn man dort entlanggeht.
Heute stehen zwei Menschen vor zwei völlig unterschiedlichen Steinen, unter denen sie Ruhe gefunden haben. Der Friedhof ist nicht menschenleer, aber diese beiden Männer sieht keiner, auch wenn beide Steine umgeben sind von Menschen. Klickende Kameras, Satzfetzen in Sprachen aus aller Herren Länder. Hektisches Flüstern überall, Ehrfurcht gemischt mit Sensationslust.
Wolfgang Amadeus Mozart
steht auf dem einen Stein, um den die große Menschenmenge versammelt ist. Sie alle halten einen ehrfurchtsvollen Abstand, knipsen was das Zeug hält und reden gedämpft, um die Ruhe des Maestros nicht zu stören.
Doch ein Mann, in schwarze Kleidung gehüllt, die für einen Sehenden erstaunlich altmodisch aussehen muss, steht ganz nah vor dem Grab. Eine Strähne seines glatten, ebenfalls schwarzen Haares fällt ihm immer wieder ins Gesicht und er schiebt sie mit einer arroganten Geste hinters Ohr zurück. Seine Nägel sind schwarz lackiert - ein Punk, würden alte Menschen wohl sagen. Aber sie sehen nicht.
Keiner kann ihn sehen. Und er interessiert sich nicht für das Geplapper ringsherum, er hört nur diese göttliche Musik, die ihn immer wieder in den Wahnsinn getrieben hat und die ihn beinahe zum Mörder gemacht hätte.
Er streicht mit einer Hand sanft über die Gravur des Namens, über die Daten, die viel zu nahe beieinander liegen für ein solches Genie. Er hätte viel länger auf dieser Erde bleiben müssen. So wie er selbst.

Was er nicht weiß, nicht sehen kann, aber vielleicht doch spürt, ist die Gegenwart eines anderen Mannes. Er steht vor einem zweiten Stein, für den sich kaum jemand zu interessieren scheint. Seine dunkelblonden Haare mit der einzelnen Strähne neben seinem Mundwinkel, die ihn frech aussehen lässt, schimmern in der Sonne. Auch seine Kleidung ist altmodisch, aber farbenfroher als die des anderen Mannes. Seine Nägel sind nicht lackiert, aber die Finger sind tintenbekleckst - noch immer schreibt er mit Feder und Tinte, natürlich.
Antonio Salieri
spürt er unter seinen Fingerspitzen, streicht über den Namen und spürt im gleichen Moment, dass da jemand seinen Stein berührt. Jemand wie er.
Er schaut auf, und auch wenn er sein eigenes Grab nicht sehen kann, spürt er die Gegenwart jetzt doch überdeutlich. Er streckt die Hand aus, doch seine Finger treffen auf dunklen Granit, nicht auf warme Haut. Ein paar Blumen liegen hier verstreut, er bückt sich und sammelt sie zusammen. Mickrig sieht es aus - das Grab ist nicht so viel umschwärmt und gehuldigt wie sein eigenes.
Irgendwann wird er auch hier Blumen niederlegen, das schwört er sich.

Er schaut nach oben, spürt die warme Sonne und lässt sich von den Strahlen aufzehren, bis er frei ist. Schwebend, tanzend mit dem Wind, mit den Göttern, aber allein.

Irgendwann werden wir uns wiedertreffen. Ohne Hass, das hatten sie sich geschworen. Und beide warten auf den Tag.
Avoir 20 ans, c'est gôuter au plaisir les femmes, le vin, les hommes et même pîre!
~Roméo et Juliette; Avoir 20 ans~
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Letzte Änderung: 1 Jahr 9 Monate her von Asia Rose.
1 Jahr 9 Monate her #48028

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Scaramouche80 antwortete auf Friedhof der Musicalrollen

Die Sonne geht gerade unter. Es ist abends. Albert hat mir meine Ration Heu gegeben. Während ich fresse erzählt er , was er im Krieg erlebt hat. Dabei streichelt er sanft meinen Kopf...wie jeden Abend. Er weiss, dass ich ihn verstehe...weil ich ebenso gelitten habe wie er...weil unsere beiden Seelen das Grauen überlebten. Ich schaue ihn an und höre zu...ganz still. Dann berichte ich von Captain Nicholls, von Günther und Michael, von Emilie und ihrem Großvater. Von den Ängsten und der Verzweiflung; auch von der Fürsorge, die mir und Topthorn widerfahren ist. Topthorn... mein Freund, der mir Mut und Kraft gegeben hat, der mich durchhalten ließ...der mich überleben ließ. Ich weiss noch, wie er neben mir zusammen gebrochen ist. Ich musste ihm versprechen, dass ich nicht aufgebe. Dann starb er. Sein Körper wurde achtlos liegen gelassen als die Einheit weiter zog. Was ist auch schon ein Pferdeleben wert? Ich schaue Albert an...er hält meinem Blick stand. Wir sind in unserem Schmerz verbunden. Albert lächelt zärtlich, tätschelt meinen Hals und flüstert leise -als ob er meine Gedanken hören kann - "Für mich alles! Gute Nacht, Joey!"

Ich merke, wie ich langsam zur Ruhe komme...sehe eine große Weide vor mir. Topthorn, jung und kräftig, steht da und grast...ich geselle mich zu ihm. Albert steht am Zaun und beobachtet uns. Es ist Frieden. Die Sonne geht gerade auf.
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Letzte Änderung: 8 Monate 4 Wochen her von Scaramouche80.
9 Monate 2 Minuten her #49507

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Legendenfan antwortete auf Friedhof der Musicalrollen

So schön geschrieben, ich hatte Gänsehaut, danke <3
8 Monate 4 Wochen her #49508

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