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REBECCA in Tecklenburg begeistert Publikum und Komponisten

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Wenn ein unterschätztes Musical endlich wieder aufgeführt wird, wenn die Besetzung keine Wünsche offen lässt, wenn open air das Wetter mitspielt und wenn sogar der weltbekannte Komponist selbst das höchste Lob ausspricht, dann haben die FreilichtSpiele Tecklenburg sich wieder einmal selbst übertroffen. REBECCA, wo du auch immer bist - in Tecklenburg bist du bestens aufgehoben.

Als Stage Entertainment das Musical REBECCA am 8. Dezember 2011 nach seinem Erfolg bei den Vereinigten Bühnen Wien erstmalig in Deutschland aufführte, kam für die aufwendige Produktion bereits am 6. Januar 2013 das überraschende Aus. Die schnell wachsende Fan-Anzahl rieb sich verwundert die Augen, doch es sollte so bleiben: Der Standort des Musicals wurde nicht verschoben, kein neuer Versuch gestartet. Zugleich endete auch REBECCAs geplanter Broadway-Export aufgrund fehlender Investoren. Dabei hat das Musical basierend auf dem gleichnamigen Buch von Daphne du Maurier aus dem Jahr 1938 (bekannt geworden durch die Verfilmung Alfred Hitchcocks 1940) Alles, was ein gutes Stück benötigt, fesselt mit seiner dramaturgischen Handlung und wurde bereits in zehn weiteren Ländern aufgeführt. Neben all den leichter zu vermarktenden Jukebox-Musicals avancierte REBECCA zumindest in Deutschland aber nur zu einem sehenswerten, verschlossenen Juwel. Kein Wunder also, dass ein lauter Freudenschrei durch die Musicalszene ging, als die FreilichtSpiele im letzten Jahr bekannt gaben das stark vermisste Bühnenspektakel endlich wieder aufzuführen.

Erzählt wird die Geschichte aus der Sicht einer jungen Frau, deren Name nicht genannt wird. Die Rolle trägt den Namen „Ich“ (Milica Jovanovic). Als Angestellte der gut betuchten Amerikanerin Mrs. van Hopper (Anne Welte) führt sie ein niedrig bezahltes Leben. Auf einer Reise trifft sie auf den reichen Engländer Maxim de Winter (Jan Ammann), der vor wenigen Monaten seine Frau durch einen Seeunfall verlor. Aus Zuneigung wird Liebe – aus „Ich“ wird Mrs. de Winter. Nach ihrer Hochzeit zieht das Paar auf Schloss Manderley, jenem Anwesen, das Maxim auch mit seiner verstorbenen Frau bewohnte. Doch das junge Glück und die Zukunft der beiden steht wie das gesamte Werk in Kontrast zu dem Tod aus der Vergangenheit. Insbesondere Haushälterin Mrs. Danvers (Pia Douwes) hält das Andenken der Toten in Ehren, pflegte sie doch eine starke Bindung zu der ihr ähnlich stark auftretenden Frau. Die neue Mrs. de Winter lässt sie dabei deutlich spüren, dass sie auf Manderley nicht willkommen ist und teilt einige Seitenhiebe aus. Damals identifizierte Maxim de Winter eine entstellte Wasserleiche als seine Frau, doch plötzlich entdecken Seefahrer das Segelschiff der Familie, auf dem sich die echte Leiche seiner ersten Frau befindet. Was ist damals geschehen? Hat Maxim seine Frau tatsächlich umgebracht? Und wird das neue Paar auf Manderley jemals glücklich werden können?

Unter freiem Himmel schafft Regisseur Andreas Gergen auch bei REBECCA eine eindrucksvolle Inszenierung, die mit neuen Facetten die Handlung unterstreicht. So sind fast in jeder Szene zahlreiche schwarz umhüllte Helfer zu sehen, die die Erinnerungen lebendig vorführen und so den Kontrast des Stückes hervorheben. Auch sonst dominiert die Farbe weiß im Bühnenbild von Susanna Buller, dass das Schloss Manderley auf der breiten Burgruine und Rebecca’s Zimmer sowie das Bootshaus auf der kleinen Drehbühne präsentiert. Die Choreographien von Danny Costello sind rhythmisch lebendig und bringen Schwung in die sonst gegensätzlich auch vor Spannung erstarrende Geschichte.  Die Kostüme von Karin Alberti sind gewohnt authentisch, das Maskenbild von Stefan Becks und Elke Quirmbach natürlich gehalten. Musikalisch erwartet man für Levay’s Komposition zurecht ein großes Orchester, das unter der Leitung von Tjaard Kirsch die Spannung mitreißend untermalt und keine Wünsche offen lässt.
Das spektakuläre Ende des Musicals schuf hohe Erwartungen beim Publikum. Auch wenn am Ende keine echten Flammen zu sehen waren, erweckte das Kreativteam ein beeindruckendes Schlussbild aus einer die gesamte Bühne umfassenden Projektion, die gepaart mit äußerst schnellen Nebelmaschinen und gekonnt gesetztem Licht das wohl spektakulärste Finale Tecklenburgs in Szene gesetzt hat.

REBECCA hat das Tecklenburger Publikum vom ersten Ton an mitgerissen. Die hochkarätige Besetzung wurde dabei frenetisch von den über 2.300 Zuschauern gefeiert, so dass nicht nur einmal stehende Ovationen die Handlung unterbrochen haben. Den Höhepunkt bildet dabei die Reprise „Rebecca“, bei dem sich Pia Douwes in ihrer Rolle als „Mrs. Danvers“ über Milica Jovanovic als neue Mrs. de Winter erhebt. Beide Stimmen sind außergewöhnlich stark und erreichen nicht nur im Duett jede Faser eines Körpers.  Pia Douwes selbst stellt in ihrer Paraderolle verstärkt durch ihre unfassbare Bühnenpräsenz Alles in den Schatten. Jeder im Publikum würde bedingungslos ihren Anweisungen folgen. Daher ist es umso wichtiger, dass Jovanovic den Wandel des naiven, jungen Mädchens zur erwachsenen, ihrem Mann beistehenden Frau schleichend vollzieht, was ihr mit Bravur gelungen ist. Authentisch wirkte auch Jan Ammann als „Maxim de Winter“, dessen Rolle ebenfalls einen charakteristischen Lauf vom verliebten Junggebliebenen zum innerlich zerrissenen und später vor Gericht stehenden, potentiellen Mörder durchleben muss.

Dankbare Rollen haben Anne Welte als „Mrs. van Hopper“, die mit ihrer schauspielerisch überheblichen, selbst verliebten Art die Geschichte gekonnt auflockert und Christian Fröhlich, der als Rumtreiber Ben für seine Auftritte ebenfalls viel Beifall erhielt.

Auch die weiteren Besetzungen zeigen sich als kritiklos stimmig: Darunter Robert Mayer (Jack Favell), Thomas Hohler  (Frank Crawley), Roberta Valentini (Beatrice), Mathias Meffert (Giles), Johan Berg (Oberst Julian), Guido Breidenbach (Frith), Fin Holzwart (Robert), Sophie Blümel (Clarice) und Jan Altenbockum (Richter Horridge). Tecklenburg‘s größte Stärke ist das stets unfassbar große Ensemble, das die große Bühne mit Leben füllt, choreographisch auf den Punkt ist und ohne das ein nahtloser Ablauf nicht möglich wäre. Dazu zählen Michael Thurner, Nicolai Schwab, Zoltan Fekete, Daniel Meßmann, Andrew Hill, Kim-David Hammann, Luciano Mercoli, Juliane Bischoff, Jennifer Kohl, Alexandra Hoffmann, Esther Lach, Céline Vogt, Joyce Dietrich, Dörte Niedermeier, Janine Niehus, sowie der Chor und die Statisterie der FreilichtSpiele Tecklenburg.

Ungelogen war der lang andauernde Schlussapplaus des Publikums der mit Abstand lauteste, den wir dort bislang erlebt haben und sicherlich auch der Grund dafür, dass sich Intendant Radulf Beuleke kurzerhand dazu entschlossen hatte auch gleich eine der Produktionen für das kommende Jahr zu verraten: 2018 kehrt LES MISÉRABLES nach erster Aufführung 2006 zur passenden Kulisse zurück.

Doch was sind die Gedanken eines Musicalfans schon gegenüber der Bewertung des Komponisten? Sylvester Levay, der schon viele seiner musikalischen Werke auf der Bühne erleben durfte, fasste den Abend mit den wohl ehrwürdigsten Worten zusammen, die man sich als Beteiligter hätte wünschen können: „Diese Vorstellung möchte ich in meinem Leben nicht mehr missen!“ Damit zieht er zugleich in nur einem Satz ein Fazit aus allen obigen Zeilen, so dass auch wir uns nur untertänig diesen Worten anschließen möchten.

REBECCA wird noch 19 Mal bis zum 9. September aufgeführt.

Fotos: André Havergo